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Ernst Groß

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Ernst Groß

Der Holzschnitzer Ernst Groß legt seine Werke oft als größere Arbeiten mit Installations-charakter an; mehrere kleinere Objekte zu einem Thema ergeben so ein großes gesamtes, verlieren alleine aber dennoch nicht ihre Grundaussage.

Biografie Ernst Groß

1959 geboren in Homberg/Efze
1982-1985 Lehren zum Holzschnitzer
1985-1990 Studium der Freien Kunst und der Bildhauerei an der GhKassel
1991-1993 Künstlerische Leitung des Kunsthof am BBZ, Kassel

Stechbeitel, Kettensäge und ein Hühnerstall voll Leidenschaft
Zu den Arbeiten von Kristina Fiand und Ernst Groß

"Die Talente sind oft gar nicht so ungleich, in Fleiß und Charakter liegen die Unterschiede."(Theodor Fontane)

Wie lieb ist es mir, dass ich auserkoren wurde, das Vorwort zu dieser Publikation zu schreiben, bin ich doch – gerade von der Betty-Ford-Klinik für kunstsüchtige Betrachter als unheilbar entlassen – willenlos verfallen der Fiand-Groß'schen Figurenwelt und großer Bewunderer der mit Odem behauchten Holzblöcke.
Aber eines nach dem anderen: Es mag ein Jahrzehnt her sein, dass mir die erste Skulptur von Kristina Fiand über den Weg stand. Ich wusste weder etwas über die Künstlerin noch über ihre Arbeit, aber sie schürte sofort Begehrlichkeit. Alsbald ergaben die Recherchen, dass da ein sowohl ideen- als auch fingerfertigkeitstalentiertes Künstlerpaar (ja, es gab da noch wen!) irgendwo in der Walachei rund um Kassel auf einem umfunktionierten Landbauernhof eine Kunstdomäne erschaffen hatte, das sowohl Skulpturen formte als auch Schüler, die es in Kursen zum Holz führte. Klingt spannend – ist es auch. Ist der weibliche Part dieser Konstellation von Beruf Lehrerin (auf die Verbeamtung und den Job selbst hat sie inzwischen dankend verzichtet) und der männliche ausgebildeter Holzbildhauer, sind beide nunmehr seit Jahren ein perfektes Gespann, ergänzen sich wie ein hoch funktionables Zahnrad und beflügeln sich mit strategisch gefühlten Bildemotionalitäten.
Die Schwächen des Einen (glauben Sie mir, es sind gar keine, das behaupten die beiden nur) – fehlende Perfektionismen – sind die (noch größeren) Stärken des Anderen. Was daraus erwächst, lässt sich in diesem Band bewundern und bestaunen.
Aus einem glanzvollen Arbeitsethos, das man sich immer wieder in ländlich solidem Kontext vorzustellen hat, wächst über ein handwerkliches Naturell eine verwobene Einmaligkeit, die ihresgleichen sucht. Aus dem großen Verständnis für das Material und den Umgang damit erwächst ewiglich der bildnerische Ausdruck dessen, was da aus dem Block herausgeholt wird – wissend um die Substanz, die stehen bleiben darf, ahnend, was weggeschnitzt zu werden hat. In einer solch intensiven Sensibilität und Lebendigkeit, dass man an eine Situation erinnert scheint, die man nie erlebt hat und die eine unbewusste Kommunikation zwischen Betrachter und Artefakt einläutet, sobald der Blickkontakt beginnt.
Die fruchtbare Zweisamkeit steht niemals dem kreativen Individualismus im Wege, ganz im Gegenteil, gerade das gemischte Doppel ist Ideentrichter eines jeden Einzelschaffenden und doch in Ausführung Gedankenkorrektiv, ferner einmalige Chance, Gaben zusammenzutragen, daraus Ernte einzubringen, aber auch Unnötiges fallenzulassen. Was beide zudem eint, ist die Liebe zum Soliden, Freude an magischen Binsenweisheiten, die auch mal in philosophische Exkursionen ausufern können, perfektionierte Handfertigkeit und Affinität zu und jonglierender Umgang mit Holzwerkzeugen – Parallelwelt zwischen Abzubildendem und Gebildetem innerhalb der Denkfabrik, nicht zuletzt das schon erwähnte Arbeitsethos, das zwischen völliger Erschöpfung und dem Gefühl, sehr wohl zu wissen, wo die kräftemäßigen Reserven liegen, gründet.
Was das eingangs bemühte Fontane-Zitat betrifft, kann ich versichern, dass sich lediglich der Charakter der Künstler unterscheidet.
Demütig in schöpferischem Tun und Leben betreiben beide die Umkehrung von monologisieren, indem sie facettenreich modifizieren und ihre jeweilige „Bildidee" im Kopfe tragen, ehe Holzblock und Werkzeug bemüht werden. Unterstützung im Atelier des Anderen kann es, muss es aber nicht geben, und wenn, dann diese in jedweder Form. Ist Ernst Groß so manches Mal Werkzeug in personam und virtutem, aber auch als auch Umsetzender, Schaffender bei Schnitzerei-nischenproblematiken wie einer bestimmten Handhaltung, ist er ein andermal offen für ihre Kritik bei einem Werk in Progress. Dafür bringt Kristina Fiand anschließend ihr Wissen, ihre Stärken ein, sollte es irgendwo haken, und damit meine ich nicht einen verborgenen Ast im Block.
Die Stärke der zusammen lebenden, liebenden und arbeitenden Künstler liegt in der Ergänzung, in der Arbeitsfreundschaft, die Tat und Hirn einschließt, eine gärende Symbiosis, die sich doppelschnell vermehrt. Und schlussendlich auch die Achtung voreinander. Klugheit und handwerkliches Geschick wird potenziert und das Œuvre mit Emotionen bepinselt. Ohne dies wäre das Entstehen dieser so andersartigen Kunstfakte nicht möglich, wären die Schönheit, die sie ausstrahlen, die Freude und Leidenschaft undenkbar. Denn nur die Summe all dessen reproduziert Wahrhaftigkeit.
Niemandem bin ich bis dato begegnet, der sträflich diese Holzarbeiten unterschätzte, vielmehr erquicke ich mich Mal um Mal an den leuchtenden Augen des Betrachters und erzähle sie immer wieder und wieder, werde es nicht satt – die Geschichten um die Porsches, Edekas und Ponyhöfe.
Groß-Fiand'sche Requisiten sind Kettensäge, Schnitzmesser, Geist und Farbe, mit Hilfe derer sie ein Plädoyer schaffen für verführerisch laszive Traumgebilde – das Werk zweier höchst kreativer Kunstköpfe, die in Gedanken und Tat mutig voranschreiten, jeder für sich und am Ende keiner vor dem Anderen. In ihrer Konzentration auf Stimmungen, dem Erzählen von Geschichten (deren Ende meist offen ist) wärmen sie sich in dieser befruchtenden Symbiose in einem Gewand phantasiequellender Einmaligkeit.
Besondere Freude machen die Werke, die dann aus den Individualitätsgaben beider erwachsen: Neben den Reliefs krönt sich in den Stelen das Werk beider Künstler, indem es wie eine gelbe und eine blaue Tinktur zusammenfließt und zu einer grünen wird, zu etwas ganz Neuem. Ist Groß in der Stringenz des Korpus präsent, krönt Fiand die Arbeit obenauf mit einer klaren und ausdrucksstarken Figur, die die Aura des Werkes sensualisiert und damit perfektioniert. Fallen uns Arbeiten wie die Gemeinschaftswerke von Andy Warhol und Jean Michel Basquiat ein, die in der Wirkung zweier Maler auf dem Bildträger gründen, wird auch bei der Arbeit unserer beiden Bildhauer klar, dass jeder der beiden seinen ganz persönlichen künstlerischen Reigen einbringt, der alsdann gleichberechtigt neben dem anderen steht und zu etwas Eigenem wird, die erzählte Geschichte selbst immer zwischen Fakt und Fiktion.

Kann man mir bei dieser Ambrosia meine Sucht übelnehmen?!

Michael Marius Marks